Ein Leben lang arbeiten und dabei gesund bleiben.

Möglichkeiten eines persönlichen Gesundheitsmanagements

„Wir brauchen ein Konzept für ein persönliches Gesundheitsmanagement, das auf die Bedürfnisse von Polizeibeamten zugeschnitten ist.“ So lautete das Fazit von Torsten Gripp im Nachgang eines Seminars zum Thema „Gesundheit“ bei der Bundespolizei.

Er bat mich, ausgehend von meinen Vorerfahrungen als Sportwissenschaftler, Autor und Mitentwickler von Gesundheitskampagnen (AOK u.a.) eine Idee dafür zu entwickeln. In einer intensiven, konstruktiven Zusammenarbeit entstand daraufhin ein Gesundheitsbuch („Alles Gute!“), das die Grundlage für einen selbstständig durchzuführenden Gesundheits-Workshop liefert.

Der folgende Artikel gibt einen Überblick über die Vorüberlegungen, die zu der Entwicklung des Gesundheitsbuches geführt haben.

 

Eigentlich ist das doch ein Wunsch, der sich ganz vernünftig und „normal“ anhört: Ein Leben lang arbeiten und dabei gesund bleiben. Aber in der heutigen Situation klingt selbst der Wunsch danach schon fast zynisch und auch noch ausgesprochen unrealistisch, denn viele Polizisten können aufgrund der immer größeren Belastungen froh sein, wenn sie während ihres Arbeitslebens überhaupt arbeitsfähig bleiben.

Diese Einschätzung bestätigt sich jedes Jahr, wenn die neuen Zahlen mit den Entwicklungen der Krankenstände und Fehlzeiten veröffentlicht werden. Der Aufschrei ist jedes Mal groß, denn die Lage verschlechtert sich zusehends. Die Gründe dafür sind klar: Das abgelaufene Jahr hat noch einmal mehr Stress gebracht als das Jahr davor, und exakt dieser Stress hat dafür gesorgt, dass es noch mehr Kranke gibt.

Nach dieser immer gleichen und wenig überraschenden Analyse wird Jahr für Jahr darüber nachgedacht, an welchen Stellschrauben gedreht werden könnte, damit sich die Krankenstände verringern. Praktikable Ansätze finden sich jedoch nicht. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen sich (fast) nicht ändern lassen, zudem kein Mensch weiß, wie sich die globalen Konflikte in Zukunft entwickeln – und wann das nächste Mal irgendwo eine Bombe hochgeht.

Es bleibt folgendes zu konstatieren: Auch für die nächsten Jahre gibt es nicht viel Hoffnung, dass sich die gesundheitliche Situation der Polizisten spürbar verbessert und – was noch wichtiger wäre – überhaupt noch verbessern ließe. Ein Leben lang zu arbeiten und dabei gesund zu bleiben, scheint unter diesen Bedingungen nur schwer möglich und kaum steuerbar, weil die Realität die meisten unserer Bemühungen torpediert.

Aber wie soll das überhaupt gehen – längerfristig gesund zu bleiben in so einem Job? Wenn man nur die „Krankengeschichten“ betrachtet, so liefern sie kaum einen Anhaltspunkt dafür, was getan werden müsste. Von daher scheint es sinnvoll, sich einmal die „Krankwerdungs-Geschichten“ anzuschauen. Die beginnen nämlich naturgemäß zu einem viel früheren Zeitpunkt.

Die Überlegung ist nun folgende: Vielleicht stoßen wir bei dieser Recherche auf Gründe, die langfristig dafür sorgen, dass Polizisten krank werden – und vielleicht ergeben sich daraus Ansatzpunkte, was im Sinne eines persönlichen Gesundheitsmanagements getan werden könnte, um gesund zu bleiben.

 

Das Arbeitsleben eines Polizeibeamten – oder „Von nun an geht´s bergab!“

Lassen wir also einmal das Berufsleben eines (fiktiven) Polizisten unter dem Aspekt „Gesundheit“ Revue passieren und schauen, wie sich diese über die Jahre entwickelt.

Nehmen wir einmal an, er ist seit 30 Jahren im Dienst. Beginnen wir also im Jahre 1985, und zwar mit seinem 1. Arbeitstag.

8 Uhr morgens: Unser junger Polizist kommt pünktlich in die Wache. Er wird auf das herzlichste begrüßt, die Kollegen sind nett und freuen sich auf ihren neuen Mitarbeiter. Es ist ein Vergnügen, Polizist zu sein!

Aber das wirklich besondere an diesem Tag ist etwas anderes: In seinem ganzen Arbeitsleben wird dieser Polizist eventuell nie wieder so gesund sein wie an diesem Vormittag: Der Rücken tut ihm nicht weh, er leidet nicht unter Schlafstörungen, er hat kein Alkoholproblem, er muss kein Trauma aufarbeiten – und laut Gesundheitscheck ist sein Bewegungsapparat genauso gesund wie sein Herz-Kreislauf-System und seine inneren Organe.

So weit, so gut, der Anfang ist also getan. Jetzt muss unser Kollege nur noch circa 40 Jahre lang genauso gesund bleiben und alles ist gut. Das scheint doch nicht weiter schwierig zu sein, denn bis zu dem Zeitpunkt, wo er seinen Dienst angetreten hat, war er doch gesund – und das, ohne viel dafür getan zu haben! Warum soll das denn nicht so weiter gehen?

Ganz einfach, und das ist natürlich eine Binsenwahrheit: Weil sich nach dem 1. Arbeitstag im Leben dieses jungen Polizisten fast alles ändert.

10 Jahre später: Die Kollegen sind durchaus nicht immer nett, es fallen zu viele Überstunden an, er wird zu oft mit Gewalt, Tod und menschlichem Leid konfrontiert und erlebt Situationen, die ihn verletzen, schockieren oder sogar traumatisieren.

Aber er wird auch Beglückendes erfahren, heiraten, zwei Kinder bekommen und sich in seiner Freizeit sozial engagieren. Er hat immer gerne Sport getrieben, aber er schafft es zeitlich nicht mehr, regelmäßig zum Training zu gehen. Außerdem tut ihm das Knie öfter weh.

Inzwischen gibt es Tage, an denen er es zutiefst bereut, Polizist geworden zu sein – und auf Dauer läuft auch sein Privatleben nicht reibungslos: Der Beruf des Polizisten ist alles mögliche – nur nicht gerade beziehungsfreundlich.

Das heißt: Unser Polizist befindet sich von dem Tag an, an dem er seinen Job angetreten hat, gesundheitlich gesehen auf einer Berg- und Talfahrt, die letztendlich in einer Abwärtsspirale endet. Vielleicht hat seine Krankwerdungs-Geschichte sogar schon mit seinem ersten Einsatz begonnen!

Das wäre der Moment gewesen, an dem er hätte beginnen können, etwas für seine Gesundheit zu tun: Es wäre auch nicht so schwer gewesen: Gesund genug war er ja.

Aber unser fiktiver Polizist hat das nicht in dem Maße getan, wie es nötig gewesen wäre – was dazu beigetragen hat, dass er letztendlich schneller und früher krank geworden ist. Hier stoßen wir schon auf zwei einfache Schlüsse, die wir für unser ganz persönliches Gesundheitsmanagement daraus ziehen können:

Wenn wir gesund sind,

ist es sinnvoll, aktiv etwas für unsere Gesundheit tun.

Wir bleiben nur gesund,

wenn wir kontinuierlich etwas für unsere Gesundheit tun.

Das heißt nicht, dass unser Polizist schon ab dem 1. Arbeitstag 3 Mal die Woche irgendwelche Kurse hätte besuchen sollen. Aber es hätte ihm gut getan, wenn er ein paar einfache Grundregeln beherzigt hätte, die grundsätzlich dafür sorgen, dass seine Gesundheit gestärkt wird, und zwar langfristig, sein ganzes Leben lang.

Keine dieser Maximen ist ein Geheimnis: Von der Apotheken-Umschau über den Hausarzt bis zu unserem Nachbarn sagen nämlich alle das gleiche.

 

 

CHECKLISTE 1

Was wir tun können, solange wir gesund sind

  • Genug schlafen
  • Mäßig essen
  • Regelmäßig bewegen
  • Sich Erholung gönnen
  • Freundschaften pflegen
  • Freude am Leben haben

 

 

 

Es sind alles – und das gilt es festzuhalten – völlig unspezifische Maßnahmen. verblüffender weise sind diese Regeln für uns aber viel schwerer einzuhalten, als wir denken, und das aus zwei Gründen:

Erstens: Wer tut schon etwas für seinen Rücken, wenn er keine Rückenschmerzen hat! Alleine mit dem Antrieb, jetzt etwas zu tun, bevor der Rücken in Zukunft schmerzen wird, tun wir überhaupt nichts. Wir wissen ja noch nicht einmal, ob wir jemals Rückenschmerzen bekommen werden! In uns allen blüht nämlich beständig eine völlig absurde Hoffnung: Krank werden immer die anderen.

Das heißt, solange wir gesund sind, haben wir ein Motivationsproblem.

Zweitens: Mindestens zwischen unserem 20. und 40. Lebensjahr liegen die Prioritäten in unserem Leben nicht auf der Gesundheitsvorsorge: Wir gründen eine Familie, vielleicht wird ein Haus gebaut und die Kinder müssen groß gezogen werden. Da bleibt oft noch nicht einmal mehr Zeit, um spazieren zu gehen. Gesundheitsvorsorge – und sei sie auch noch so unspezifisch – steht auf der Prioritätenliste ganz weit hinten, und da bleibt sie auch erst mal.

Das heißt, solange wir gesund sind, haben wir auch noch ein Strukturproblem.

Aber auch, wenn unser Polizist nicht so viel dafür getan hat, seine Gesundheit zu stärken, wie es möglich gewesen wäre, bedeutet das nicht, dass er sehr schnell krank wird. Es kann sein, dass es Jahre oder Jahrzehnte dauert, bis er beginnt, diffuse Krankheitsbilder zu entwickeln.

Er befindet sich also über einen längeren Zeitraum in einem Zustand relativer Gesundheit, merkt aber nicht (oder nicht stark genug), dass sie abnimmt und hat weder die Zeit noch die Kraft noch das Verständnis dafür, zu diesem Zeitpunkt dagegen zu steuern.

 

 

 

 

Das Leben: Ein Flickenteppich aus Gesundheit und Krankheit

20 Jahre sind vergangen. Das Knie tut immer öfter weh . . . manchmal auch der Rücken . . . und gegen die Bronchitis helfen nur noch Antibiotika. Aber das bedeutet nicht, dass er alles dafür tut, um keine Erkältung mehr zu bekommen.

Seine Erfahrung sagt ihm nämlich, dass wir alle hin und wieder krank werden, und in Stresszeiten ist das auch kein Wunder. Das nimmt er einfach so hin, nicht zuletzt deshalb, weil es dann auch wieder bessere Phasen in seinem Leben gibt.

Denn tatsächlich reicht ihm momentan noch der Sommerurlaub, um sich wieder gesünder und arbeitsfähiger zu fühlen, und er verschwendet deshalb kaum einen Gedanken daran, seine verschiedenen Beschwerden für einen Hinweis darauf zu halten, dass mit ihm grundsätzlich etwas nicht stimmt.

So vergehen Wochen, Monate, Jahre. Jeder Tag bringt neuen Stress, jeder neue Stress wird zu dem alten hinzuaddiert. Da unser Polizist weiterhin kaum etwas dagegen unternimmt, tritt er irgendwann über eine Schwelle, hinter der sein Leben auszusehen beginnt wie ein Flickenteppich, in dem sich Gesundheits- und Krankheitsphasen abwechseln.

Das bedeutet, auch in dieser Phase, in der er weit davon entfernt ist, so gesund zu sein wie am Anfang seines Arbeitsleben, tut er offensichtlich zu wenig, seine Krankwerdungs-Geschichte bewusst wahrzunehmen und etwas zu unternehmen.

Was hätte er im Sinne eines persönlichen Gesundheitsmanagements in dieser Zeit für sich tun können? Eines ist klar: Alleine mit Spazierengehen ist es nicht mehr getan, denn das ist zwar hilfreich, aber viel zu unspezifisch. Jetzt ist er in eine neue Situation eingetreten, die andere Maßnahmen von ihm erfordern.

 

 

CHECKLISTE 2

Was wir tun können, wenn wir nicht mehr ganz so gesund sind

  • Einsicht in den Prozeß der Krankwerdung gewinnen
  • Eigene Lösung für das Gesundwerden finden
  • Sich aufraffen
  • Sich aufraffen
  • Sich aufraffen
  • Sich eine neue Struktur geben
  • Kontinuierlich am Ball bleiben

 

 

Ad 1

Einsicht zu gewinnen bedeutet: Sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und mit großer Ehrlichkeit zu dem Ergebnis zu kommen, dass man nicht mehr gesund ist. Das heißt: Den eigenen Leidensdruck wahrzunehmen und sich daran zu erinnern, wie es war, als man noch gesund war. Dieser Abgleich kann nur ein Ergebnis haben: Man muss etwas tun! Doch was?

Ad 2

Jemand, der Herz-Kreislauf-Probleme und Übergewicht hat, muss etwas anderes dagegen unternehmen als jemand, der unter Schlaflosigkeit leidet. Ein persönliches Gesundheitsmanagement läuft darauf hinaus, dass wir selbst eine Idee dafür entwickeln, was uns in dieser Situation guttut. Vielleicht ist es jetzt die Rückenschule, die uns hilft. Oder wir gehen eine Diät an – oder wir gehen früher ins Bett – oder wir geben das Rauchen auf.

Eins ist klar: Die Lösung muss spezifischer werden, und wir müssen noch aktiver daran arbeiten, sie umzusetzen.

Ad 3 – 5

Wir stehen jetzt vor einem großen Problem: Wir müssen nicht nur gesund werden wollen, wir müssen es jetzt auch tun. Es ist noch niemandem gelungen, abzunehmen, indem er 20 Diätbücher nur gelesen hat. Und wir werden auch nicht dünner, weil jemand anderer weniger isst.

Ad 6

Wenn wir es geschafft haben, uns aufzuraffen, fehlt nur noch eines: Wir müssen unsere Lebens- und Rahmenbedingungen ändern. Wir brauchen eine neue Prioritätenliste, in der „Gesundheit“ ab jetzt viel weiter oben auftaucht, und es wäre sinnvoll, ab nun Zeit und Raum für uns und unser Wohlergehen zu reservieren.

Ad 7

Es ist inzwischen zu spät, als dass es ausreicht, wenn wir alle paar Wochen einmal Federballspielen. Längerfristig verbessern wir unsere Situation nur noch, wenn wir regelmäßig das tun, was wir uns vorgenommen haben.

 

 

 

Der Countdown in die Krankheit

Es sind nun 27 Jahre her, seit er seinen Dienst angetreten hat. Es gibt Nächte, in denen er nicht schlafen kann, weil er die Erlebnisse des Tages nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Die Magen-Darm-Grippe, von der er immer behauptet hat, sie sich bei seinen Kindern zu fangen, kommt merkwürdigerweise weiterhin, obwohl die Kinder längst aus dem Haus sind.

Dann kommt eine schwere Phase: Die Ehe geht in die Brüche und die Mutter beginnt, Anzeichen von Demenz zu zeigen. Die ehrenamtliche Arbeit, die ihm große Freude bereitet hatte, muss er aus Zeitmangel aufgeben. Unser Polizist hat fast gar keine Freizeit und Erholungsphasen mehr und ist die überwiegende Zeit damit beschäftigt, sich um seine Kinder, seine Scheidung und seine Mutter zu kümmern. Er hat zugenommen, unter anderem, weil er schon längt keinen Sport mehr treibt.

Und der Arbeitsstress nimmt natürlich immer noch zu.

Ab nun tickt der Countdown. Wenn er nicht dringend etwas ändert, wird er krank werden. Nur welche Krankheit er haben wird, ist noch unklar.

30 Jahre sind vergangen. Er hat zu viel Arbeit, die zu viel Kraft kostet. Er hat zu viele Sorgen, die ihm den Schlaf und die Kraft rauben. Und so ist das mit allem: Von dem einen zu viel, von dem anderen zu wenig.

Die Luft ist raus. Unser Polizist ist einen langen Weg gegangen und jetzt hat er einen „schleichenden Plattfuß“. Er rollt nicht mehr richtig. Er wird langsamer. Wenn er schließlich stehenbleibt, dann auf jeden Fall an der ungünstigsten Stelle.

Sein Arzt diagnostiziert eine schwere Krankheit, was bedeutet, dass er für längere Zeit nicht arbeiten kann.

 

Seine Krankwerdungs-Geschichte geht in eine Krankheitsgeschichte über. Wir schreiben das Jahr 2015, aus einer Summation von kleinen Stressoren, die ihn über 30 Jahre lang „schikaniert“ haben, entsteht eine Krankheit. Das Jahr 2015 war einfach zu viel. Und wie sich nun herausstellt: Die 30 Jahre davor ebenfalls.

Was kann dieser Polizist jetzt noch im Sinne eines eigenen Gesundheitsmanagements für seine Gesundheit tun? Als erstes wird er etwas gegen seine Krankheit tun müssen.

 

 

 

CHECKLISTE 3

Was wir tun können, wenn wir krank sind

  • Zum Experten gehen (Arzt, Therapeut, Seelsorger)
  • Krankheit verstehen
  • Maßnahmen durchführen

 

 

Ad 1

Wenn wir krank sind, bleibt uns nichts anderes übrig, als uns einzugestehen, dass wir alleine nicht mehr klar kommen. Wir brauchen die Meinung von Experten – mit diagnostischen Methoden, die Ergebnisse liefern, die weit über das hinausgehen, was wir selbst herausfinden können.

Das heißt: Uns bleibt notgedrungen nichts anderes übrig, als uns ausgerechnet in der Situation, in der es uns besonders schlecht geht, auf fremde Menschen und ihre Urteile zu verlassen. Das bedeutet nämlich Krankheit: Einen Verlust an Kompetenz. Unser Gesundheitsmanagement besteht im Moment einzig und allein darin, anderen unser Krankheitsmanagement und die Krankheitsdiagnose zu überlassen.

Ad 2

Seine Krankheit zu verstehen bedeutet: Durch die Aussagen der Experten sich ein Bild vom eigenen Zustand machen zu können. Eventuell ist die Krankheit so schwer und so akut, dass uns nichts übrig bleibt, als Diagnose und Therapie zu akzeptieren und über uns ergehen zu lassen. Wenn die Krankheit nicht so akut ist, haben wir die Möglichkeit, uns besser zu informieren (Zweitmeinung usw), bis wir unsere Krankheit verstanden haben und uns dann für die Therapie entscheiden, die wir für angemessen halten.

Aber auch das bedeutet letztlich: Wir geben Gesundheits-Kompetenz ab.

Ad 3

Solange wir gesund sind, besteht unser persönliches Gesundheitsmanagement aus unspezifischen Maßnahmen wie „regelmäßige Bewegung“. Wenn wir nicht mehr so gesund sind, müssen wir spezifischere Maßnahmen ergreifen wie zum Beispiel „Rückengymnastik“. Aber wenn wir krank sind, bleibt uns nichts mehr anderes übrig, als noch viel spezifischere Maßnahmen und Therapien, zu denen uns dringend geraten wird, zu akzeptieren und durchzuführen.

Das bedeutet zwar, dass die Chancen auf Heilung steigen, aber trotzdem besteht unser Gesundheitsmanagement zu diesem Zeitpunkt in nichts anderem als in Vertrauen in die Richtigkeit der Maßnahmen und Beharrlichkeit und Disziplin, was die Durchführung betrifft.

 

Nach der Krankheit ist vor der Gesundheit

3 Monate nach dem Beginn seiner Erkrankung: Unser Polizist ist in einer Reha-Klinik und geht durch den Park. Der tägliche Spaziergang tut ihm gut. Er erinnert sich daran, dass er früher mit seinen Kindern öfter im Wald spazieren gegangen ist – und wie wohl er sich dabei gefühlt hat.

Wie lange das wohl her ist? Ohh! . . . 17 Jahre . . . wie konnte das nur passieren?

Was kann unser Polizist jetzt im Sinne eines eigenen Gesundheitsmanagements tun? Sein Leben hat ihn in eine Situation gebracht, wo er seine Verhaltensweisen neu definieren muss. Auch wenn das für ihn nur sehr schwer zu akzeptieren ist, liegt darin eine große Hoffnung für seine Zukunft.

Denn aufgrund seiner Arbeitsunfähigkeit ergeben sich jetzt für ihn Freiräume, die er nutzen kann, um seinem Leben eine gesündere Struktur zu geben. Und er kann Dinge tun, die ihm helfen, seine neu gewonnene Gesundheit zu behalten.

 

CHECKLISTE 4

Was wir tun können, wenn wir wieder gesund werden

  • Genug schlafen
  • Mäßig essen
  • Regelmäßig bewegen
  • Sich Erholung gönnen
  • Freundschaften pflegen
  • Freude am Leben haben
  • Sich eine neue Struktur geben
  • Kontinuierlich am Ball bleiben

 

Kommen wir zu unserem Ausgangspunkt zurück und stellen uns noch einmal folgende Frage: Ist es für einen Polizisten möglich, ein ganzes Leben zu arbeiten und gesund zu bleiben? Wie gesehen ist die Wahrscheinlichkeit dafür eher gering, denn es zeigt sich deutlich, wie viele „Stressoren“ an einem Polizisten zerren.

Aber wir können – je nach Lebenssituation – unsere Gesundheit auf vielfache Weise stärken. Wir können die Wellen des Lebens nicht aufhalten, aber wir können lernen, so damit umzugehen, dass uns nicht jede gleich umwirft. Als ob wir uns ständig ein Begleiter sind, der es gut mit uns meint – der uns aber zwischendurch auch daran erinnert, dass wir uns jeden Tag Zeit für unsere Gesundheit nehmen sollten. So einfach das auch klingt, in der

Praxis ist das tatsächlich eine große Herausforderung.

Am Ende brauchen wir (wieder) eine Idee davon, welche Form von Bewegung, welche Art der Ernährung, welche Form der Erholung zu uns passt, was uns entspannt und was uns Freude am Leben bereitet. Wir müssen es dann nur noch tun!

Wenn es uns gelingt, auf diese Art unser eigener Gesundheitsmanager zu sein, sind wir zwar nicht ein Leben lang gesund – aber wahrscheinlich um einiges gesünder!

 

Dr. Wilhelm Künsting

April 2016

 


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